Unsere Vase steht am Beginn der sächsischen Lackkunst, die unter August dem Starken initiiert wurde. Sie veranschaulicht das Bestreben Martin Schnells (1675–1740), die aus Fernost stammenden Erzeugnisse, die in ganz Europa große Bewunderung hervorriefen, in ihrer ästhetischen und technischen Perfektion nachzuahmen, wenn nicht gar zu übertreffen.
Zugleich ist sie Zeugnis der wechselseitigen Beeinflussung von Lack und Porzellan: 1708 wurde in Sachsen erstmals an einem europäischen Hof „echtes“ Porzellan geschaffen. Dem ging 1706/07 die Erfindung des „rothen Porcellains“, wie das Böttgersteinzeug genannt wurde, voraus, dessen Herstellung ab 1710 manufakturmäßig anlief.
Im selben Jahr wird der in der Berliner Werkstatt Gérard Daglys (1660–1715) ausgebildete Martin Schnell als „Hoflackierer“ an den Dresdner Hof berufen. Sein Einfluss auf die frühen Erzeugnisse der Meissener Manufaktur ist in der Forschung zum sogenannten „Schwartz Porcelain“ ausführlich untersucht worden; mehrere Ausstellungen und Publikationen haben sich diesem Thema in den vergangenen Jahrzehnten gewidmet (1998/99, 2003, 2013).
Das frühe Böttgersteinzeug — das in Europa ein bis dato beispielloser Entwicklungsschritt auf dem Weg hin zum Porzellan war — erwies sich dabei als ideales Medium, in dem sich Schnells künstlerisches Können und seine Fähigkeit manifestieren, ostasiatische Lackarbeiten mit ihren tiefschwarzen, glänzenden Oberflächen sowie fein aufgetragenen Gold-, Silber- und Farbdekoren überzeugend zu imitieren. Entsprechend zufrieden äußert sich Friedrich Böttger über dessen Anstellung und berichtet im Jahr 1710 an den König (2013, S. 16): „die Glasur [für das Böttgersteinzeug] hat ebenfalls ihre Vollkommenheit erlanget, und wird von rechten Kennern dem Indianischen Lac weit vorgezogen, wie denn der von Eurer Königlichen Majestät [E.K.M.] angenommene Laccirer Martin Schnell eine sonderbahre Freude hierüber bezeuget und sich diesfalls recht glücklich schetzet, in den Dienst E.K.M. angenommen zu seyn.“
Die Bedeutung Martin Schnells für die junge Meissener Manufaktur sowie für die Entwicklung der Lackkunst am Dresdner Hof kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Während sich das rote Steinzeug zunächst nur gravieren, facettieren, schneiden und polieren, jedoch nicht bemalen ließ, eröffnete Schnell mit seinem handwerklichen Können und seinem Gespür für die Lackkunst neue gestalterische Möglichkeiten. So gelang es, die Ästhetik dieser hochgeschätzten Importwaren mit den technischen Innovationen der europäischen Porzellanherstellung zu verbinden. Das daraus hervorgegangene „Schwartz Porcelain“ — Böttgersteinzeug mit lüstrierender schwarzer Glasur, das sich mit Gold und farbigen Lacken dekorieren ließ — zählt bis heute mit zu den bedeutendsten und gesuchtesten Erzeugnissen der frühen Meissener Manufaktur. Schnells hoher Rang spiegelt sich auch in dessen Bezahlung wieder, das mit einem Anfangsgehalt von 300 Talern pro Jahr weit über dem Böttgers lag (2000/2001 S. 165).
Chinesische und japanische Porzellane mit Lackdekoren von Martin Schnell
Wesentlich weniger bekannt als die schwarz glasierten Böttgersteinzeuge — und im Hinblick auf den Erhaltungszustand noch deutlich seltener — ist eine Gruppe ostasiatischer Porzellane aus der Sammlung Augusts des Starken, die Martin Schnell ebenfalls als Trägermedien für seine frühen Lackarbeiten nutzte.
Von diesen Stücken haben sich nur wenige in überzeugender Qualität erhalten. Die technischen Herausforderungen der Verbindung von Porzellan und Lack führten häufig dazu, dass der Dekor bereits im 18. Jahrhundert als unbefriedigend galt oder heute nur noch in Resten vorhanden ist. Dies zeigen sowohl das Inventar des Japanischen Palais von 1721 als auch die Forschung von Eva Ströber, die diesem Werkkomplex Martin Schnells einen grundlegenden Beitrag gewidmet hat („Porcelain and Lacquer – Oriental Blue and White Porcelain with Lacquer Decoration in the Dresden Collection.“ In Transactions of the Oriental Ceramic Society. 2000–2001).
Vor diesem Hintergrund kommt unserem Exemplar eine besondere Bedeutung zu. Es gehört zu den wenigen Arbeiten, bei denen die Verbindung von ostasiatischem Porzellan und europäischer Lackkunst nicht nur technisch gelang, sondern auch in ihrer künstlerischen Qualität vollständig überzeugt. Das in der Dresdner Porzellansammlung erhaltene Gegenstück (Inv.-Nr. PO 284) ist mit unserem Exemplar nahezu identisch und belegt eindrucksvoll das hohe Niveau dieser seltenen Werkgruppe. Eva Ströber hat die Schwestervase zweimal publiziert und in der großen Ausstellung „Schwartz Porcelain“ ausgestellt (2000–2001 fig. 5; 2003–2004 Nr. 10 Abb. 16 S. 35 u. 42).
Dies überrascht kaum, wenn man die ostasiatischen Vorbilder berücksichtigt, die August der Starke mit großem finanziellem Aufwand für seine Sammlung erwarb und die den künstlerischen Anspruch vorgaben. Besonders die japanischen Vogelbauervasen (Ströber 2001, Nr. 94, S. 206), in denen die Verbindung von Porzellan und Lack auf außergewöhnliche Weise zur Perfektion geführt wurde, dürften für Schnell einen entscheidenden Anreiz dargestellt haben.
Der Versuch, diese beiden kostbarsten exotischen Luxusgüter Europas um 1700 miteinander zu verbinden, zielte auf eine besonders gesteigerte ästhetische Wirkung — „Obviously this combination was an attempt to combine oriental porcelain and lacquerwork, the most highly prized exotic luxury goods in Europe around 1700, to a splendid effect“ (Ströber 2000–2001 S. 165).
Unsere Vase ist daher Martin Schnell selbst zuzuschreiben. Dafür sprechen sowohl die außerordentlich hohe Qualität der technischen und künstlerischen Ausführung als auch der ungewöhnlich gute Erhaltungszustand. Im Vergleich zu den meisten bekannten Beispielen, bei denen der Lackdekor stark beeinträchtigt ist, stellt sie eine seltene Ausnahme dar. Diese Merkmale gelten als wesentliche Kriterien für die Zuschreibung an Schnell (Menzhausen 1999, S. 7).
Gerade in ihrer Qualität und Geschlossenheit ist die Vase nicht nur als Experiment oder Übergangsarbeit zu verstehen, sondern als eigenständiges Werk innerhalb der frühen sächsischen Lackkunst. Sie dokumentiert eine Phase, in der Schnell — mangels geeigneter Alternativen — ostasiatische Porzellane sowie Böttgersteinzeuge als Medium für seine Lackarbeiten nutzte und dabei bereits die entscheidenden technischen und ästhetischen Grundlagen seiner späteren Arbeiten entwickelte.
Die Vase belegt zudem, dass Schnell schon früh die wesentlichen Techniken des Lackdekors sicher beherrschte. Die Lackschicht ist als fein modelliertes Relief ausgeführt, das in der japanischen Terminologie als takamaki-e bezeichnet wird. Das differenziert gestaltete Relief umfasst auch die Landschaftsdarstellung mit Figuren, Bergen und Architekturen. Zudem sind Teile der Malerei in der maki-e-Technik ausgeführt, bei der Goldpulver auf den noch feuchten Lack aufgestreut wird, um einzelne Bildelemente hervorzuheben. Erhaltene Goldreste innerhalb der Darstellung lassen vermuten, dass der Himmel ursprünglich vollständig in Gold ausgeführt war.