A23

Einzigartiges Ensemble von drei Meissener Shiba Onko-Schalen aus der Sammlung August des Starken

Meissen 1730/31 (Hoym/Lemaire)

RUNDER SHIBA ONKO TELLER MIT PALASTMARKE „N=75-W“

Ø 22,4 cm; Tiefe: 3,4 cm; Aufglasurschwertermarke in Emailblau; Palastnummer „N=75-W“ (Abschn. d, Boltz Keramos 153/1996 S. 74); Drehermarke „x“ für Johan Daniel Rehschuh (Rückert, Keramos 151 / 1996 S. 80); Sammlungsetikett „Franz Oppenheimer“, Inv.-Nr. „213“ in Rot; Inv.-Nr. Rijksmuseum „R.B.K. 17345“ in Schwarz

Provenienz: Rudolphe Lemaire; ab April 1731: Königliche Sammlung im Japanischen Palais, Dresden (Boltz a.a.O.); Margarete und Dr. Franz Oppenheimer (Inv.-Nr. 213 in Rot) ; Dr. Fritz Mannheimer, Bankier Amsterdam; Rijksmuseum Amsterdam, zuvor ebd. Dauerleihgabe des Niederländischen Staates (Den Blaauwen 2000 Nr. 162 S. 240); Erben des Ehepaars Margarete und Franz Oppenheimer, die die Sammlung bei Sotheby’s New York versteigern ließen (14.09.2021 Nr. 28)

ZWÖLFECKIGE, TIEFE SCHALE MIT SHIBA ONKO-DEKOR UND DER PALASTNUMMER „N=35-W“

Aufglasurschwertermarke, Johanneumsnummer „N=35-W“ eingeritzt und geschwärzt, Pressmarke: 2 x vier konzentrische Dreiecke (Rückert Keramos 151 1996 Abb. 9 Nr. 7 S. 84; nach Miedtank, Keramos 232 2016, die Pressmarke für Grund Sen.), Ø 25 cm, Tiefe: 6,8 cm

Provenienz: Rudolphe Lemaire; Ab April 1731: Königliche Sammlung im Japanischen Palais (Boltz 1996, Abschnitt d S. 72); Französische Privatsammlung

RUNDER SHIBA ONKO TELLER MIT PALASTMARKE „N=75-W“

Ø 23,1 cm; Tiefe: 3,4 cm; Aufglasurschwertermarke in Emailblau; Palastnummer „N=75-W“ (Abschn. d, Boltz Keramos 153/1996 S. 74); Drehermarke „x“ für Johan Daniel Rehschuh (Rückert, Keramos 151 / 1996 S. 80)

Provenienz: Rudolphe Lemaire; Ab April 1731: Königliche Sammlung im Japanischen Palais, Dresden (Boltz a.a.O.)

DER SHIBA ONKO-DEKOR IN MEISSEN

Im Mittelpunkt der Szene steht links der chinesische Staatsmann und Historiker Sima Guang (1019–1086), der während der Song-Dynastie lebte und wegen seiner zahlreichen Standardwerke zu großem Ruhm gelangte.

Die dargestellte Szene geht auf eine Geschichte zurück, die im Japan des 17. Jahrhunderts sehr beliebt war. Der junge Sima Guang, in Japan Shiba Onko genannt, rettet einen Freund vor dem Ertrinken, indem er einen Stein in das mit Wasser gefüllte Tongefäß wirft, in das der Freund hineingefallen ist (Jenyns 1965 S. 125; Porcelain for Palaces 1990 S. 152; Impey 2002 S. 157). Das Motiv, das Kreativität und Geistesgegenwart symbolisiert, war auch in Europa eines der beliebtesten Kakiemon-Dekore. In England wurde es bekannt unter dem Namen „Hob-in-the-well“ (a.a.O.).

Die Seltenheit sowie die überragende Qualität japanischer Kakiemon-Porzellane — ihr milchweißer Scherben (nigoshide genannt) und ihre brillanten, transluzenten Farben — machten sie in Europa außerordentlich begehrt (Weber 2013 Bd. I S. 47 f.) und zu hoch gehandelten Objekten des Pariser Luxuswarenmarktes (siehe am Bsp. der Shiba Onko-Schalen, Weber 2013 Bd. II S. 137 a.E.). Jedoch versiegte der Importnachschub während der 1720er Jahre. Wie Impey annimmt (2002 S. 29), musste die Kakiemon-Werkstatt mitunter wegen der wieder erstarkten Konkurrenz aus China um diese Zeit wohl ihren Betrieb einstellen.

Der Pariser Großkaufmann Rudolphe Lemaire
Der Pariser Großkaufmann Lemaire, der das Potential der Situation erkannte, die sich aus sinkendem Angebot und steter Nachfrage ergab, hatte den genialen Einfall, das begehrte Kakiemon-Porzellan von der Manufaktur kopieren zu lassen, die allein dazu in Europa imstande war: Meissen.

Dank der gründlichen Studien von Julia Weber (Meißener Porzellane mit Dekoren nach ostasiatischen Vorbildern. München 2013) und der von Claus Boltz publizierten Quellen („Hoym, Lemaire und Meißen – Ein Beitrag zur Geschichte der Dresdner Porzellansammlung“. In Keramos 88/1980), können wir den Einfluss Lemaires auf die Meissener Produktion heute nachvollziehen.

Im Jahr 1728 kam Lemaire nach Dresden, wo er, aufgrund guter Kontakte, schnell eine Audienz bei August dem Starken höchstpersönlich erhielt. Lemaire verstand es, den König für seine Ideen zu gewinnen, allerdings nur mit dem Vorwand, dass „wenn die Waren nach seinen [Lemaires] Angaben und Modellen ausgeführt würden, das sächsische Porzellan bald dasjenige überträfe, das derzeit aus Ostasien importiert würde, und sogar dem alten japanischen gleichkommen könne“ (Weber 2013 Bd. I S. 33). Dass es ihm in Wirklichkeit aber vor allem darum ging, täuschend echte Kopien herstellen zu lassen, die auf gar keinen Fall ihren Meissner Ursprung offenbaren sollten, unterschlug er.

Anfängliche Startschwierigkeiten in den Vertrags- und Handelsbeziehungen zwischen Lemaire und der Meissener Manufaktur konnten mit der Übernahme der Manufakturdirektion durch den Kabinettsminister Carl Heinrich Graf Hoym im Juni 1729 schnell überwunden werden (Weber 2013 Bd. I S. 36 f.). In diesem Staatsmann, der den Geschmack des Pariser Hofes und das dortige Leben aufgrund seiner Zeit als Pariser Gesandter in Versailles nicht nur kannte, sondern in Sachsen auch sehr vermisste, fand Lemaire einen Protektor, der sein Projekt engagiert unterstützte. Bereits im September 1729 wurde der erste Vertrag abgeschlossen, der Lemaire eine bevorzugte Behandlung gegenüber anderen Kaufleuten zusicherte. Die Bevorzugung ging soweit, dass er sogar persönlichen Zutritt in die Malereiwerkstatt Höroldts erhielt. Der Zusatz seitens der Manufaktur, dass er „auf keinerley Arth und Weise die Geheimnüße der Fabrique“ ausforschen dürfe (zit. nach Weber a.a.O.), klingt vor dem Hintergrund, dass der Graf Hoym sein innigster Verbündeter war, nach reiner Formsache.

Damit kam das Projekt schnell ins Rollen, allerdings gab es noch zwei Probleme zu lösen, um das Meissner Porzellan als „altes Indianisches Crak Guth“, d.h. japanisches Kakiemon-Porzellan in Paris verkaufen zu können:

  1. Wie konnte man diesen Plan in die Tat umsetzen und gleichzeitig dem ausdrücklichen Befehl Ausgusts des Starken vom 1. Oktober 1729 (Weber 2013 Bd. I S. 38 Fn. 158) entsprechen, das alle Porzellane mit der Schwertermarke zu versehen seien?
  2. Woher sollte man die japanischen Modelle beziehen, die kopiert werden sollten? Zu Anfang hatte Lemaire noch selbst japanisches Kakiemon-Porzellan aus Paris nach Dresden mitgebracht, was sich am Beispiel des Bantam-Hahns nachweisen lässt (siehe Langeloh Jubiläumspublikation 2019 Nr. 71 S. 401). Das war für ihn aber mit hohem Aufwand und Kosten verbunden, wie aus einem Schreiben an den König vom Juni 1729 klar hervorgeht (Boltz Keramos 88 / 1980 S. 5).

Das erste Problem wurde bekanntlich dadurch geschickt umgangen, indem anstatt der unterglasurblauen Schwertermarken emailblaue auf die Porzellanglasur aufgetragen wurden. Diese konnten im Nachhinein mittels Salpetersäure („Scheidewasser“) entfernt werden.

Bei der Lösung des zweiten Problems griffen Hoym und Lemaire auf die Bestände der Porzellansammlung Ausgusts des Starken zurück. Der König besaß zu dieser Zeit die größte Sammlung ostasiatischer Porzellane in Europa. Auf Anordnung Hoyms wurden im November, Dezember 1729 sowie im April 1730 ca. 220, vorwiegend japanische Porzellane entnommen und der Meissener Manufaktur zur Kopie übergeben (Weber 2013 Bd. I S. 39).

Darunter war auch eine achteckige Schale aus Arita-Porzellan mit dem Shiba Onko-Dekor, von dem Höroldt zwei Meissener Malerei-Modelle herstellte.

Das Höroldt-Modell zum Shiba Onko-Dekor
Die zwei ersten Meissener Schalen mit dem Shiba Onko-Dekor dienten Höroldt und seinen Malern als Modell für die Herstellung weiterer Exemplare, die der Kaufmann Lemaire bestellte.

Der Verbleib der beiden Malerei-Modelle ist bekannt:

Wie Julia Weber gezeigt hat (a.a.O.), wurden auf Geheiß des Grafen Hoym und auf Intention des Pariser Großkaufmanns Lemaire im November/Dezember 1729 rd. 220 ostasiatische Porzellane aus der Sammlung Augusts des Starken nach Meissen gesandt. Darunter auch eine japanische Shiba Onko-Schale, „wo nach dessen Vorbild in Höroldts Malerei-Werkstatt, 2. passichte Confect-Schaalen, No. 71’ als Malereimodelle angefertigt wurden“ (Weber 2013 Bd. II S. 137; Boltz 1980 S. 98).

Das japanische Original trug die Palastnummer „N=71– “ und war, wie Weber schreibt, unter „Krack-Porcelain“ (= japanisches Porzellan) „fälschlicherweise“ im Kapitel „Teezeug“ inventarisiert, wo vier japanische Shiba Onko-Schalen aufgelistet sind: „Vier Stück detto [8.eckigte und gemuschelte Assietten], mit überschlagenen und Blumen gemahlten auch eingefaßten braunen Rande, inwendig mit bunten Pagoden, und Bäumen gemahlt, 1 3/4 Zoll tief, 9 Zoll (= 21,15 cm) in Diam: No. 71“.

Nach diesem Arita-Original wurden von Höroldt zwei exakte Meissener Kopien erstellt, die als Modelle dienten, um die Shiba Onko-Schalen für den Pariser Kaufmann Lemaire herzustellen. Höroldt hat sie in seinem Preisverzeichnis von Meissener Arbeitskopien ostasiatischer Originale, die er später, am 24. Februar 1731 handschriftlich erstellt hat, festgehalten (Boltz 1980 S. 92): „Specificatio Derjenigen Porcellaine, welche als Modelle zum ferneren Gebrauch beygesetzt werden müßen …: 2. passichte Confect-Schaalen No. 71“ [= Shiba Onko]

Beide Schalen tragen auf der Rückseite als Erkennungsmerkmale:

  • Aufglasurschwerter in Emailblau;
  • die eingeschnittene Palastnummer „N=153-W“, unter der sie im Dezember 1734, zusammen mit weiteren Malereimodellen, inventarisiert wurden (Weber Bd. II S. 137; Boltz 1996 S. 92). Im Inventar von 1770 (Abschn. d Boltz Keramos 153/1996 S. 76) heißt es dazu: „Zwanzig Stück differente Confect-Schaalen, und Saladieren, theils mit korn-Aehren, Blumen auch Pagoden [= Shiba Onko] und Vogeln gemahlt, alt Indianisch, No. 153. 2. St. fehlen.“
  • und — das Wichtigste — beide Schalen zeigen die Reste einer abgeschliffenen Nummer, bei der es sich um die „N=71– “ handelt, die auf das japanische Original in der königlichen Sammlung verwies.

Julia Weber geht davon aus (a.a.O.), dass die japanischen Nummern bei der Überführung von der Manufaktur in die königliche Sammlung von den Schalen entfernt und — wahrscheinlich um Verwechslungen zu vermeiden — bei der Inventarisierung durch die „N=153-W“ ersetzt wurden.

Rückseite des Shiba Onko-Tellers (der sich ehemals in unserem Besitz befand) mit aufglasurblauer Schwertermarke, Johanneumsnummer „N=153-W“ und den leichten Spuren der jap. Palastnummer „N=71“

Spuren der japanischen Palastnummer „N=71“ und Schwertermarke in Detailansicht

Das Ende der Hoym-/ Lemaire-Affäre und die Beschlagnahmung der Porzellane
Die Machenschaften des Grafen Hoym und des Kaufmanns Lemaire, japanische Porzellane aus der königlichen Sammlung kopieren zu lassen, um diese alsdann nicht als Meissener, sondern als altjapanische weiterzuverkaufen, waren entschieden gegen den Willen des Königs. August der Starke unterrichtete den Grafen Hoym bereits im August 1730 das erste Mal, dass er mit dessen Verhalten unzufrieden sei (Weber 2013 Bd. I S. 41 ff.). Er tat dies, indem er ihm 15 Anklagepunkte zukommen ließ, worin es unter § 12 heißt, „dass bezüglich der Porzellane der königliche Wille nicht befolgt worden sei“ (Weber a.a.O.). Die Erwiderung Hoyms konnte den Ärger des Königs nicht mildern. Am 27. März 1731 wurde Hoym aus allen Ämtern entlassen und der Prozess gemacht. Er wurde dazu verurteilt, dem königlichen Hof fortan fern zu bleiben und musste 100.000 Taler Wiedergutmachung zahlen. Der Pariser Kaufmann Lemaire kam wesentlich glimpflicher weg und wurde „nur“ des Landes verwiesen.

Alle Porzellane, die sich bis dahin noch in Hoyms Dresdner Stadtpalais befanden, wurden Anfang April 1731 beschlagnahmt und in das Japanische Palais überführt. Darunter auch unsere zwei Teller und die zwölfeckiche Schale, die wir hier präsentieren.

Die runden Shiba Onko-Teller mit der Palastnummer „N=75-W“ sind selten. Im Inventar des Japanischen Palais von 1770 sind nur 11 Exemplare benannt (Boltz a.a.O.):
„Eilf Stück Teller mit braunen Rande, inwendig Pagoden und Blumen gemahlt 9 [sic] 1/2 Zoll tief, 9 3/4 Zoll in Diam. No. 75“

Die Teller gehen auf Bestellungen des Pariser Kaufmanns Lemnaire zurück (s.u.) und wurden am 4. und 7. April 1731 im Hause Hoym beschlagnahmt (Boltz Keramos 88/1980 S. 42 f.):
„Porcellain, so der Französische Kauffmann le Maire zu seinen Verkauf ausgesetzet, und in des Herrn Graffens von Hoymb Hauße gefunden, aber uff allergnädigsten Befehl in das Holländische Pallais nach AltDreßden geschaffet worden: … 10 Teller mit Bajotten“ [= Shiba Onko]

Neben unseren zwei sind uns nur sieben weitere bekannt:

Die zwölfeckigen Shiba Onko-Schalen mit der Palastnummer „N=35-W“ sind, was die Form betrifft, eine Meissener Schöpfung. Laut Julia Weber (2013 Bd. II S. 137) gibt es in Arita keine zwöfeckigen Schalen mit diesem Dekor. Es handelt sich also um eine eigenständige Abwandlung des ostasiatischen Originals, die Lemaire überzeugt hat. Das für die zwölfeckige Form zuständige Shiba Onko-Malereimodell, das die Palastnummer „N=153-W“ trägt (gleich unserem hier vorgestellten, achteckigen Malereimodell) befindet sich heute im Rijksmuseum Amsterdam (Den Blaauwen 2000 Nr. 159 b).

Der hohe Stellenwert, den Arita-Porzellane und mit ihnen die Meissener Nachschöpfungen auf dem Pariser Markt hatten, lässt sich anhand der zwölfeckigen Schalen nachweisen.

Wir besitzen einen alten Pariser Versteigerungskatalog aus dem Jahr 1747, in dem man die Geschichte der Shiba Onko-Schalen aus Pariser Sicht nachvollziehen kann. Der bekannte Pariser Sammler Vicomte De Fonspertuis besaß zwei solcher Schüsseln. Sein großer Nachlass wurde von dem bekannten Pariser Kunsthändler Edmond Francois Gersaint, den Watteau mit seinem Gemälde „L’Enseigne de Gersaint“ unsterblich gemacht hat, versteigert (beginnend September 1747 und endend März 1748). Der von Gersaint selbst verfasste Katalog ist sehr gründlich und instruktiv. Weber hat ihn u.a. zum Ausgangspunkt ihrer Recherchen zur „Detective Story“ (Haughton Seminar 2012) genommen und in ihrem umfassenden Katalog der Meissener Kakiemon Porzellane aus der Sammlung Schneider in der Einleitung zum Shiba Onko-Kapitel zusammengefasst. Unter der Nr. 94 (S. 61) führt der Fons­pertuis-Katalog „zwei sehr schöne Tiefe Saladieren mit kleinen Kanten und Pagoden aus sächsischem Porzellan kopiert nach dem alten japanischen Porzellan“ auf. Julia Weber geht davon aus, dass es sich nur um die zwölfeckige Shiba Onko-Schüssel handeln kann: „figürliche Kakiemondekore sind selten und entsprechend auch die Meissener Kopien. Bei eckigen Schalen mit ,Pagoden‘, d.h. mit Darstellungen von Asiaten, kann es sich nur um solche mit Shiba Onko-Dekor gehandelt haben. Da von kleinen Kanten die Rede ist, ist anzunehmen dass die zwölfeckige Variante gemeint war.“ (a.a.O.)

Julia Weber hat alsdann den hochinteressanten, ausführlichen Originalkommentar Gersaints in französisch und in deutscher Übersetzung veröffentlicht: *„Zwei sehr schöne tiefe Saladieren mit kleinen Kanten und Pagoden aus sächsischem Porzellan. Diese beiden Stücke sind nach dem alten Japanischen kopiert. Obwohl es sich um Kopien handelt, werden die Liebhaber unschwer einräumen, dass sie in ihrer Art bewundernswert sind, indem sie so vollkommen den Originalen von der seltensten und schönsten Sorte ähneln, dass die feinsten Augen bestochen werden könnten von dieser exakten Imitation aller wesentlichen und zugehörigen Merkmale dieser Qualität von Porzellan, die die Kenner so schätzen, wenn man nicht auf der Unterseite jedes Stückes die Marke der zwei gekreuzten Schwerter sähe, die die Werke der Dresdener Manufaktur kennzeichnen.

Ich bin nicht der Einzige, der schwankte, deren Beschaffenheit festzustellen, und ich erröte nicht, wenn ich zugebe, dass ich einige Zeit überlegt habe. Aber ich entdeckte, dass jedes Stück auf der Bodenmitte ein Siegel hatte. Dieses Siegel, das mich auf eine kleine Täuschung schließen ließ, bestätigte meinen Verdacht, und tatsächlich, nachdem ich es entfernt hatte, wurde mein Zweifel durch die zwei gekreuzten Schwerter erhellt, die ich darauf gemalt sah. Es ist sicher schwer, sich beim ersten Anblick nicht täuschen zu lassen, vor allem wenn man in der berechtigten Annahme ist, dass in einem Kabinett von diesem Rang sich nur Echtes befinden kann.

Vielleicht hat Monsieur de Fonspertuis diese Kopien erworben, um sich das Vergnügen zu bereiten, einige Liebhaber damit zu überraschen. Wie dem auch sei, diese beiden Stücke haben ihren Merit, genau wie acht weitere der gleichen Art, die sich hier im Anschluss befinden. Ich bezweifle, dass je etwas die Dresdner Manufaktur verlassen hat, bei dem mehr Sorgfalt auf die Imitation des alten Porzellans verwendet wurde.“*

Titel des Gersaint-Katalogs von 1747 mit einem Stich von Cochin, offensichtlich inspiriert von Watteaus Gemälde „L’Enseigne de Gersaint“

Kat.-S. 60 – 63 Beschreibung der Shiba Onko-Schalen (Bibliothek Elfriede Langeloh)

Soweit die Pariser Sicht; die Meissener gibt uns dank der guten, von Boltz veröffentlichten Quellenlage ein nahezu vollständiges Bild. Bereits in der Preisliste zum ersten Lemaire-Kontrakt vom 30.09.1729 sind die zwölfeckigen Schalen (a.M. Weber a.a.O.) unter der Position „große Confect oder Sallad Schalen a 5 Taler“ enthalten. In der Preisspezifikation zum zweiten Vertrag erscheinen sie als „detto [= Confect Schaalen – nach Weber II S. 137 mit Shiba Onko Dekor] tiefe passigte a 5 Taler“, während die achteckigen je nach Größe mit zwei oder drei Taler veranschlagt waren.

Wie bereits beschrieben, wurden nach Auffliegen der Hoym-/ Lemaire-Affäre im April 1731 alle Porzellane im Hause des Grafen Hoym beschlagnahmt. Darunter auch die zwölfeckigen Shiba Onko-Schalen unserer Größe, die mit der Palastnummer „N=35-W“ inventarisiert wurden: „Vier und zwanzig Stück detto [= zwölf eckigte Schaalen, mit überlegten und braunem Rande, inwendig Pagoden, alt indianis. gemahlt] 3 Zoll tief [= 7 cm] 10. Zoll [= 23,5 cm] in diam: no 35.“

Es gab ursprünglich also insgesamt nur 24 solcher Schalen, von denen sich heute die Hälfte nachweisen lässt (s.u.). Auf dem freien Markt haben wir neben unserer Schale nur zwei weitere finden können: Christie’s 25.02.1991 Nr. 170 und eine weitere, die sich bis 2020 in unserem Besitz befand (Langeloh 2019 Nr. 109 S. 582 f.).

Vergleichsstücke der zwölfeckigen Shiba Onko-Schalen mit Palastnummer „N=35-W“

  1. Porzellansammlung im Zwinger (PE 5219 Pietsch: Meissener Porzellan und seine ostasiatischen Vorbilder. Leipzig 1996 Nr. 15) mit dem achteckigen ostasiatischen Vorbild (P.O. 4771 Joh.-Nr. N=124). Pietsch macht keine Angabe zur Pressmarke
  2. Slg. Schneider, Bayerisches Nationalmuseum, Schloss Lustheim, Rückert 1966 Nr. 239 T. 64 = Weber 2013 Bd. 2 Nr. 115, Ø 25,7 – 26,4 cm; 6 cm hoch; Pressmarke: „drei mal Kreuz im Kreis“ (Rückert a.a.O.)
  3. Rijksmuseum, Amsterdam, Den Blaauwen 2000 Nr. 157, Geschenk von Otto Blohm 1909, Ø 26,5; Höhe: 5,7 cm; Pressmarke: drei mal Kreuz im Kreis
  4. Den Blaauwen 2000 Nr. 158, Ø 24,2; Höhe: 6,5 cm; Pressmarke: zwei mal Kreuz im Kreis = Margarete und Franz Oppenheimer (Schnorr von Carolsfeld 1927 Nr. 81)
  5. Den Blaauwen 2000 Nr. 159 A, Ø 26,5; Höhe: 6 cm; keine Angabe zur Pressmarke
  6. Victoria and Albert Museum London (Invent.-Nr. 30-1908)
  7. Slg. Gustav von Klemperer (Schnorr von Carolsfeld 1928 Nr. 167), Ø 25; Höhe: 6,5cm
  8. Slg. Davids (Lassen 1985 Nr. 59)
  9. Slg. Davids (Lassen 1985 Nr. 59)
  10. Slg. von Dallwitz (Kat. Lichthofausstellung 1904 Nr. 94); Ø 24, 6 cm; Höhe: 6,6 cm; Verbleib unbekannt
  11. Schweizer Privatsammlung (Christie’s 25.02.1991 Nr. 170, rd. 81.000 DM) Ø 25 cm
  12. Bayerische Privatsammlung (Langeloh 2019 Nr. 109 S. 582 f.)

Literatur

Ayers, John; Impey, Oliver; Mallet J.V.G.: Porcelain for Palaces: The Fashion for Japan in Europe. 1650 – 1750., London 1990

Boltz, Claus: „Japanisches Palais-Inventar 1770 und Turmzimmer-Inventar, 1769.“, In Keramos 153 / 1996

Den Blaauwen, Abraham L.: Meissen Porcelain in the Rijksmuseum., Amsterdam 2000

Impey, Oliver: Japanese export porcelain. Catalogue of the collection of the Ashmolean Museum., Oxford 2002

Jenyns, Soame: Japanese Porcelain., London 1965

Langeloh, Elfriede: 100 Jahre. Porzellane und Fayencen des 18. Jahrhunderts. 1919–2019., Weinheim 2019

Miedtank, Lutz: „Zur Einführung und namentlichen Zuordnung von Zahlen als Dreher- und Formerzeichen auf Meissener Porzellan ab September 1739.“, In Keramos 232 / 2016

Weber, Julia: Meißener Porzellane mit Dekoren nach ostasiatischen Vorbildern. Stiftung Ernst Schneider in Schloss Lustheim. 2 Bände, München 2013

Preis und Expertise anfordern

Bitte senden Sie mir den Preis und die Expertise zu diesem Objekt per E-Mail.