Okeanos und Tethys – der Gott des Meeres und seine Gemahlin
Hauptwerke des deutschen Rokoko, Modellmeister Franz Conrad Linck, Frankenthal um 1762-65
Okeanos: Bekrönte ’CT‘ -Marke mit zwei senkrecht angeordneten Punkten unter Glasur / Ritzzeichen ’fNo2’
(selbe Ritzmarke wie beim Okeanos der Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim) / Höhe: 28 cm
Tethys: Bekrönte ’CT‘ -Marke mit zwei senkrecht angeordneten Punkten unter Glasur / Höhe: 26,5 cm
Provenienz: Sammlung Heinrich Peter, Heidelberg
Die Datierung folgt der bekrönten ’CT‘-Marke, die ober- und unterhalb je einen Punkt hat und die zwischen 1762 und 65 eingesetzt wurde (Beaucamp-Markowsky, S. 604).
Okeanos und Tethys zählen nicht nur zu den Hauptwerken des kurpfälzischen Hofbildhauers Franz Conrad Linck, sondern auch zu den Höhepunkten der europäischen Porzellanplastik schlechthin (Beaucamp-Markowsky, S. 400). Sie stehen am Zenit des ausklingenden Rokoko. Dr. Erika Pauls-Eisenbeiss, die große Sammlerin und Kennerin beschreibt sie in ihrem Katalog (S. 192) wie folgt: „possibly the most brillant products of the baroque version of the antique“.
Okeanos und seine jugendliche gemahlin Tethys — die Götter des Meeres in der antiken Mythologie
Nach Herodot ist Okeanos der älteste aller Götter, der Urquell aller Dinge, aus dem selbst die Götter entsprangen (Jedding III S. 111). Linck hat die majestetische Haltung des Gottes und die anmutende Grazie der Göttin höfisch theatralisch in Szene gesetzt. Er ließ sich wohl von einem Kostümentwurf zu einem Ballett von Louis-René Boquet (datiert 1760) inspirieren. Alain Charles Gruber hat die Entwurfszeichnung für Okeanos entdeckt und sie 1971 erstmals in den Keramikfreunden der Schweiz (Heft 82, S. 24) publiziert (siehe nachfolgende Abb.).
Ein der Tethys ähnlicher Kostümentwurf existiert ebenfalls von Boquet, worauf Beaucamp-Markowsky (S. 404) aufmerksam gemacht hat (veröffentlicht im Ausstellungskatalog Fontainebleau 2005, S. 109, Nr. 61).
Offen ist die Frage, wie die Entwürfe oder deren Kopien an den kurpfälzischen Hof gelangt sind. Es ist bekannt, dass die Arbeiten Boquets, dem „Dessinateur en chef des habits“ von Ludwig XV., an den europäischen Höfen sehr beliebt und begehrt waren (Beaucamp-Markowsky S. 400). Boquet hatte einen solchen Rang und Namen, dass Kopien seiner Arbeiten gefertigt und an die Höfe verkauft wurden.
Franz Conrad Linck war von 1762 bis 1766 Modellmeister in der Porzellanmanufaktur Frankenthal. Darüber hinaus hat er für den Hof Carl Theodors zahlreiche Großskulpturen und monumentale Standbilder geschaffen. Als Porzellanmodelleur steht er neben Johann Joachim Kaendler und Franz Anton Bustelli.
Vergleichsstücke:
Bei unserem Figurenpaar handelt es sich um ein „geborenes“ Paar. D.h. die Größenverhältnisse, der Dekor und die Farben sind perfekt aufeinander abgestimmt, sodass man davon ausgehen kann, dass sie im selben Brand entstanden sind. Solche geborene Paare sind äußerst selten.
Sammlung Pauls-Eisenbeiss, Schweiz (Katalog Bd. II, S. 192–195)
Schloß Mannheim, aus markgräflichen Besitz, Ausstellungskatalog "Was bleibt". Schwetzingen 1996, S. 94
Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, Okeanos Inv.-Nr. 1922.226, Tethys Inv.-Nr. 1922.227, Vermächtnis Eduard L. Behrens, Hamburg; ex. Sammlung Hirth, Bd. II Nr. 440 u. I S. 68; „Porzellan – Glanzstücke der Sammlung des Museums für Kunst und Gewerbe Hamburg“ 2006, Johanna Lessmann (Hrsg.) S. 100;
Sonstige Paare:
Historisches Museum der Pfalz, Speyer, Ausstellungskatalog Frankenthal 2005, Nr. 186; Werhahn, S. 136 u. 137
Sammlung H. Graves Terwilliger, New York = Sotheby’s New York, 22.04.1982
Literatur
Atterbury, Paul J.: European Pottery & Porcelain., New York 1979
Beaucamp-Markowsky, Barbara: Frankenthaler Porzellan. Band 1: Die Plastik., München 2008
Gruber, Alain Charles: „Le modèle inconnu d’une figurine de Frankenthal.“, In Keramik-Freunde der Schweiz. Nr. 82/1971
Jedding, Hermann: Europäisches Porzellan Band 1. Von den Anfängen bis 1800., München 1971
Pauls-Eisenbeiss, Erika: German Porcelain of the 18th Century, The Pauls-Eisenbeiss Collection. 2 Bände, London 1972
Werhahn, Maria Christiane: Der kurpfälzische Hofbildhauer Franz Conrad Linck., Mannheim 1999
Droguet, Vincent u. Jordan, Marc-Henri: Théâtre de Cour: Les spectacles à Fontainebleau au XVIIIe siècle., Musee National du Chateau de Fontainebleau. 2005
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