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Indiskreter Harlekin

Meissen Modell von Johann Joachim Kaendler, kurz vor 1740 / Frühe Ausformung und Staffierung um 1740 / Höhe: 16 cm / Länge: 15,3 cm / Wie üblich ohne Schwertermarke / Biscuitboden mit großem Brennloch / Form-Nr.: 344 / Gewicht: 1.2 kg

Die Gruppe stammt aus der Sammlung Ryland G. Scott, des bekannten amerikanischen Porzellanforschers und -Sammlers. Er hat die Gruppe 1961 in seinem Standardwerk „Antique Porcelaine Digest“ veröffentlicht. Von 1976 – 1996 war der indiskrete Harlekin als ein Highlight seiner Sammlung in „The High Museum of Art“ in Atlanta, Georgia ausgestellt.

Des weiteren publiziert in: Langeloh 2019 Nr. 49 S. 324 f.

Trotz der Beliebtheit des Modells erscheint es weder in den Arbeitsberichten noch in der Taxa Kaendlers. Da die Taxa „AO 1740“ einsetzt, ist daraus zu schließen, dass das Modell – auch entsprechend der frühen Formnummer 344 – kurz vor 1740 entstanden ist.

Unsere Gruppe zählt zu den frühen Ausformungen um 1740, die sich deutlich von den Folgemodellen von 1742/1745 unterscheiden. Die herausgestreckte Zunge des Harlekins, die Feinheit der Rüschen am Ausschnitt Columbines, sowie die doppellagige Halsrüsche Beltrames fehlen bei den späteren Exemplaren. Hinzu kommen das leichtere Gewicht der frühen Gruppen (1,2 vs. 1,5 – 1,6 kg) und der flachere Sockel mit einem großen Brennloch (spätere Ausformungen: zwei kleine Brennlöcher am Boden sowie unter der Sitzbank). Dazu passt auch die Staffierung, insbesondere der Rock von Columbine und die scharfkonturige frühe Modellierung (Ziffer Ausstellungskatalog 2010 S.66 f.; von Wallwitz: Celebrating Kaendler 2006, S. 85).

Kaendler hat sich bei der Darstellung der indiskreten Harlekin-Gruppe sicherlich von den Commedia dell'Arte Aufführungen am Dresdener Hof inspirieren lassen, die seit 1738 mit der neuen Venezianischen Truppe stattfanden, die er wohl eifrigst besucht hat (vgl. Ingelore Menshausen In Porzellan verzaubert, 1993, S.56). Columbines Haltung voller Zuneigung hat Kaendler dem Stich Gerard Jozef Xaveris aus der Folge „Het nieuw geopend Italiaans Tóneel“ entnommen, die Anfang des 18. Jahrhunderts bei Petrus Schenk in Amsterdam erschienen war (vgl. Meredith Chilton: Harlequin unmasked 2001, S. 138; siehe nachfolgende Abb.).

Unter den frühen Ausformungen des Modells gibt es eine kleine besonders feine Gruppe, die sich dadurch auszeichnet, dass Columbine um ihren Hals ein schwarzes Samtband mit goldenem Kreuz trägt:

  • Slg. Comte Cini, der seine Sammlung 1881 der Pinacoteca Capitolini, Rom, vermacht hat (D'Agliano Katalog 2007 Nr. 5)
  • Slg. Von Pannwitz (Helbing München, 24.10.1905, Nr. 313, T. XXXXXVII) = Sammlung Hermine Feist (Hofmann1932 S. 508 Abb. 563)
  • Slg. J.H.R. Alfreed Borel (Frederik Muller, Amsterdam 16.6.1908 Nr. 48)
  • Ausstellungskatalog Frühes Meissener Porzellan. Lübeck 1993, Nr. 92
  • Slg. Scott  (a.a.O. =  Langeloh)

Literatur

Abraham, Birte: Commedia dell'Arte. The Patricia and Rodes Hart Collection of European porcelain and Faience., Amsterdam 2010

Chilton, Meredith: Harlequin Unmasked: The Commedia dell'Arte and Porcelain Sculpture., New Haven / London 2001

Langeloh, Elfriede: 100 Jahre. Porzellane und Fayencen des 18. Jahrhunderts. 1919–2019., Weinheim 2019

Menzhausen, Ingelore: In Porzellan verzaubert. Die Figuren Johann Joachim Kändlers in Meißen aus der Sammlung Pauls-Eisenbeiss., Basel 1993

Pietsch, Ulrich u. Banz, Claudia (Hrsg.): Triumph der blauen Schwerter., Ausstellungskatalog der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Leipzig 2010

Rafael, Johannes: „Zur »Taxa Kaendler«.“, In Keramos 203 – 204 / 2009

Scott, Cleo M. u. G. Ryland Scott Jr.: Antique Porcelain Digest., Newport 1961

Wallwitz, Angela von: Celebrating Kaendler. Meissen porcelain sculpture., München 2006

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