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Die in den Inventaren enthaltene „große“ Pagoda-Figur war 4 sächsische Zoll hoch (= 9,4 – 9,7 cm). Die kleine, mit etwas anders geformtem ovalen Kopf, besaß eine Höhe von 3,5 Zoll (= 8,1 – 4 cm). Die Pagoden sind nach einem chinesischem Vorbild bzw. Vorbildern geschaffen worden. Sie zählen mit zu den frühesten Figuren der jungen Meissener Manufaktur.

Zuerst sind sie (ab 1711) in Böttgersteinzeug modelliert worden (Pietsch 2010 S. 170 f.), wobei sie allerdings in dem Inventar des Dresdner Warenlagers vom 28.05.1711 und des Meissener Inventars vom 03.08.1711 noch nicht erscheinen.

Die formgleichen Pagoden in weißem unstaffierten Böttgerporzellan gehörten zu dem ersten Produktprogramm der Manufaktur. Die Produktion des glasierten weißen Böttgerporzellans begann 1713 und bereits in der großen Rechnungsliste von 1713 (Mai?) über diejenigen Porzellane, die August der Starke für seinen Warschauer Königshof aus Dresden hat liefern lassen, sind „vier Pagodenbilder“ (die Figuren wurden damals in den Inventaren Bilder genannt) und zwei „kleine Pagodenbilder“ aufgeführt. Sie waren Bestandteil von drei verschiedenen Aufsatz-Arrangements, die neben den Pagoden noch „Confuti­frauen Bild und dem Kindgen mit der Muschel“ enthielten (Loesch 2013, hier Transkriptionen II 5 S. 184; Cassidy-Geiger 2008 Appendix II „Works designed for the Royal Palace in Warsaw“ von Jochen Voetsch S. 773 - 781 hier S. 778).

Die Porzellan-Pagoden blieben in der Anfangszeit unstaffiert, erst zur Leipziger Ostermesse 1719 werden in den entsprechenden Inventaren des „Königl. Porcelain = Waaren-Lager“ zu Leipzig erstmals 18 große staffierte „Bajoden“ genannt (weiß emailliert) (Boltz 2000 S. 66).

31 unstaffierte große Pagoden befanden sich zu dieser Zeit im Dresdner / Meissener Warenlager sowie in Böttgers „Behausung nach seinem Tod“ (Boltz a.a.O.).

In den königlichen Sammlungen des Japanischen Palais waren laut Inventar von 1721 unter dem Kap. II Nr. 87 „6 Stk. große unstaff. neben 6 kleinen sitzende Pagoden mit offenen Mäulern, 4.Z (= rd 9,5 cm) hoch“ (Menzhausen 1969 S. 46). Davon waren gemäß den Inventaren der Königlichen Sammlungen von 1770 noch drei Stück vorhanden (Boltz 1996 S. 21).

Wie ihre chinesischen Vorbilder dienten die Meissener Pagoden als Gehäuse für Räucherkerzen. Durch den offenen Mund und die durchbohrten Ohren konnte der wohlriechende Rauch abziehen (Pietsch 1993 S. 26).

Lange Zeit wurden die Pagoden ohne Bodenplatte, ohne Teezeug und ähnliches Zubehör ausgeformt. Erst ab 1724 änderte sich das, wie man den Arbeitsberichten der Meissener Dreher und Former entnehmen kann, die Boltz 2002 veröffentlicht hat (S. 74).

Aus diesen wöchentlichen Produktionsberichten kann man die ungewöhnliche Beliebtheit der Pagoda-Modelle ermessen, die bis in die 1730er Jahre währte (von Kaendler 1734 überarbeitet).

Vergleichsstücke
In der großen Pagoda-Sammlung Margarethe und Franz Oppenheimer (mit nicht weniger als 32 Stück), die geschlossen in die Sammlung Dr. Fritz Mannheimer, Amsterdam (40 Stück) kamen, hatte unser Pagoda-Modell die Nr. 2 (Schnorr von Carolsfeld 1927; Den Blaauwen Nr. 306). In der Versteigerung der Kollektion Mannheimer (Auktionshaus Müller, Amsterdam 15.10.1952 Nr. 380) kamen zwei Pagoden unseres Typs zur Versteigerung. In der Oppenheimer-Auktion, die Sotheby’s New York am 14.9.2021 durchführte, wurden unter den ersten Nummern drei Pagoden versteigert (darunter der o.g.).

In der Pagoda-Sammlung Sidney J. Lamon, New York (19 Stück, Christie’s 29.11.1973) stammt unser Modell Nr. 21 aus dem Hause Lichtenstein. Ryland G. Scott hat die 14 Pagoden der Sammlung Kramarsky geschlossen vorgestellt (T. 39 u. 40 unser Modell Nr. 153).

Weitere:

  • Ausstellung Lübeck (Pietsch 1993 Nr. 14)
  • Sammlung Ludwig Bamberg (2010 Nr. 29)

Literatur

Boltz, Claus: „Japanisches Palais-Inventar 1770 und Turmzimmer-Inventar, 1769.“, In Keramos 153 / 1996

Boltz, Claus: „Steinzeug und Porzellan der Böttgerperiode.“, In Keramos 167 – 168 / 2000 S. 3 – 156

Boltz, Claus: Die wöchentlichen Berichte über die Tätigkeit der Meissner Dreher und Former vom 6. Juni 1722 bis 31. Dezember 1728, In Keramos 178/2002

Cassidy-Geiger, Maureen: The Arnhold Collection of Meissen Porcelain 1710 – 50., London 2008

Den Blaauwen, Abraham L.: Meissen Porcelain in the Rijksmuseum., Amsterdam 2000

Hanemann, Regina (Hrsg.): Goldchinesen und indianische Blumen. Die Sammlung Ludwig in Bamberg, Bamberg 2010

Loesch, Anette (Hg.): „Sächsisch schwartz lacquirtes Porcelain“: Das schwarz glasierte Böttgersteinzeug im Bestand der Dresdner Porzellansammlung., Dresden 2013

Menzhausen, Ingelore: Böttgersteinzeug Böttgerporzellan., Dresden 1969

Pietsch, Ulrich: Frühes Meissner Porzellan aus Privatbesitz., Ausstellungskatalog Lübeck 1993

Pietsch, Ulrich u. Banz, Claudia (Hrsg.): Triumph der blauen Schwerter., Ausstellungskatalog der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Leipzig 2010

Schnorr von Carolsfeld, Ludwig: Sammlung Margarete und Franz Oppenheimer, Privatdruck Berlin 1927

Scott, Cleo M. u. G. Ryland Scott Jr.: Antique Porcelain Digest., Newport 1961

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