Zwei Bachstelzen (Motacilla alba)
Meissen ca. 1740
Modelle von Johann Gottlieb Kirchner, 1733
Von Johann Gottlieb Ehder im Mai 1740 leicht überarbeitet
Form Nummer 58
Nach links blickende Bachstelze: 23 cm hoch, schwache unterglasurblaue Schwertermarke hinten am Sockel, Sockelunterseite unglasiert mit einem Brennloch
Provenienz: Sammlung C. H. Fischer (Lempertz 25.10.1906, Nr. 812, fälschlicherweise als Specht bezeichnet).
Nach rechts blickend: 22,7 cm hoch, unterglasurblaue Schwertermarke hinten am Sockel, Sockelunterseite unglasiert mit einem Brennloch und kobaltblauer "3"
Das Modell für die Königliche Sammlung im Japanischen Palais
Das Modell der Bachstelze geht auf den ersten Modellmeister der Meissener Manufaktur, den Bildhauer Johann Gottlieb Kirchner, zurück. Er schuf die Bachstelze einen Monat vor seinem Ausscheiden aus der Manufaktur für die Königliche Sammlung Augusts des Starken, die im Japanischen Palais präsentiert wurde. In seinem Arbeitsbericht vom Februar 1733 heißt es (Ziffer 2005, S. 218; Albiker 1959, S. 18, Nr. 142): „In den Monath February 1733 sind von mir Modelle verfertiget … Eine Bachstelze auff einem Baum sitzend Lebensgröße … Gottlieb Kirchner“.
Insgesamt sind zehn Exemplare in das Japanische Palais geliefert worden (Ziffer, S. 218). Im Inventar des Japanischen Palais von 1770 (Abschnitt a) sind noch vier vorhanden, wovon eine Bachstelze „defect“ ist (Boltz 1996, S. 31): „Vier Bach-Stelzen auf hohen Postamenten, 11 Zoll [= 26 cm], 1 St. defect, No. 284.“
Von diesem frühen, großen Modell mit rund 26 cm Höhe gibt es heute in Dresden kein Exemplar mehr. In der ersten Johanneumsauktion von 1919 (7. und 8. Oktober) wurden zwei Stück verkauft (Nrn. 101, 102). Später sind drei Exemplare auf dem Markt wieder aufgetaucht: Röbbig, Kabinettstücke (2005, Nr. 1, zwei Bachstelzen, wohl die aus der Johanneumsauktion) und Sammlung Baillie (Sotheby’s, 1.5.2013, Nr. 8).
Mit seinen wenigen, nach der Natur gestalteten Figuren hat Kirchner Richtungsweisendes für die Meissener Porzellanplastik geleistet – ein Weg, den Kaendler (seit Mitte 1731 in Meissen) weiter ausgebaut und vollendet hat.
Das überarbeitete Modell von 1740
Johann Gottlieb Ehder überarbeitete das Modell der Bachstelze im Mai 1740 geringfügig. Der Vogel selbst blieb im Wesentlichen unverändert, wurde jedoch auf einen etwas kürzeren, mit Blättern versehenen Baumstumpf gesetzt. Dadurch verringerte sich die Gesamthöhe von rund 26 auf 23 cm. Solche Anpassungen finden sich bei nahezu allen Vogelmodellen, die ursprünglich exklusiv für die königliche Sammlung geschaffen und später für den freien Verkauf überarbeitet wurden — durch die Kürzung des Stamms entstand ein visueller Unterschied zum Urmodell, das nach wie vor dem König vorbehalten blieb. Im Falle der Bachstelze sind die Änderungen so gering, dass die Manufaktur weiterhin die Formnummer „58“ verwendete.
Vergleichsstücke
Das Modell der Bachstelze ist selten; als Paare bzw. Gegenstücke — mit je einem nach links und nach rechts blickenden Vogel — findet es sich in bedeutenden Sammlungen.
- Slg. Irene Roosevelt Aitken, Paar, 23 cm hoch (Christie’s New York, 11.22026 Nr. 50) = Slg. Sir Gawaine & Lady Baillie (Sotheby’s 01.5.2013 Nr. 9) = Sammlung Drach („77 Meissner Porzellanvögel“, 22 Auktion Hermann Ball, Paul Graupe, Berlin 15.03.1933 Nr. 32 T. 8)
- Sammlung Axel Guttmann, Einzelstück (Kunze-Köllensperger „Alexanders Tiere“ 1999 Nr. 98) = Christie’s 06.12.2004, Nr. 468
- Baron Maurice de Rothschild, Paar, 22,7 u. 23 cm hoch (Christie’s 17.10.1977 Nr. 194) = Laurence Rockefeller, Sotheby’s New York 11.–12.10.2005 Nr. 207 = Christie’s 30.06.1986 Nr. 20
- The Collection of Ezra & Cecile Zilkha, Sotheby’s New York 20.11.2020 Nr. 204, Paar, 24 cm hoch
- Berling Festschrift 1911, Einzelstück, nach links blickend, 23 cm hoch (T. 4 Nr. 6)
- Metropolitan Museum of Art New York, Paar Bachstelzen auf kurzem Sockel, insg. nur 17,1 cm hoch, Gift of Irwin Untermyer, 1964, Acc.-No. 64.101.36
Melitta Kunze-Köllensperger schreibt in ihrem Katalog zur Sammlung Guttmann über die Bachstelze: „Die Bachstelze, auch Wippsterz oder Ackermännchen genannt, ist gewissermaßen das Urbild der Stelzenvögel. Sie bewohnt wasserreiche Gegenden, an deren schlammigen oder steinigen Ufern sie ihre Nahrung sucht. Charakterisiert durch ihren wippenden Gang sitzt die Bachstelze nur während ihres Gesanges unbeweglich. Sie gehört zu den Singvögeln, die sich als Zugvögel im Herbst zu riesigen Schwärmen vereinigen, um gen Süden aufzubrechen.“