Kopf des Kaisers Vitellius aus Böttgersteinzeug
Meissen, 1710/11; Modell von Paul Heermann (1673–1732). Höhe: 9,5 cm
Provenienz: Sammlung Gustav von Klemperer, Dresden (Katalog dieser Sammlung des Hofbankiers des sächsischen Königs und Gründers der Dresdener Bank, 1928 von Gustav Schnorr von Carolsfeld, Privatdruck, Nr. 7; diese Nummer noch am Büstenrand). Dem Verkauf liegt eine Einigung der Erben von Klemperer zugrunde.
Von Siegfried Asche wurde der Vitelliuskopf dem Dresdner Bildhauer Paul Heermann zugeschrieben, der Hofbildhauer und zeitweilig auch Kurator und Restaurator der Antikensammlung Augusts des Starken war. Bereits 1708 lieferte er nachweislich Modelle für figürliches Böttgersteinzeug (Asche in Keramos 49/1970).
Die Vitelliusbüste gehörte ursprünglich zu einer Serie der zwölf ersten römischen Imperatoren. Dieses Thema war seit der Renaissance ein beliebtes Motiv höfischer Ikonographie. Der Zyklus geht auf den antiken Schriftsteller Sueton zurück, der in seinen De vita Caesarum libri VIII — den Acht Büchern über das Leben der Kaiser — die Lebensbeschreibungen von Julius Caesar, Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius, Nero, Galba, Otho, Vitellius, Vespasian, Titus und Domitian überlieferte. Aus dieser Tradition entwickelten sich an europäischen Fürstenhöfen sogenannte Kaisergalerien. Ihre primäre Funktion lag in der Repräsentation fürstlicher Macht. Zugleich veranschaulichten sie die politische und dynastische Bezugnahme auf das römische Kaisertum sowie die demonstrative Kaisertreue der jeweiligen Fürstenhäuser (Stupperich 1995).
Der Vitelliuskopf in den Meissener Inventaren
1710
Siegfried Asche datiert den Vitelliuskopf auf 1708/10. Dies erscheint uns zu früh. Das Modell gehörte noch nicht zu dem Sortiment, das die Manufaktur bei ihrer ersten Teilnahme an der Leipziger Ostermesse im Mai 1710 in der Leipziger Zeitung vom 14. Mai 1710 angekündigt hatte (Walcha 1973, Fn. 19).
1711
Erst 1711 erscheint der Vitelliuskopf in den beiden Inventaren des Dresdener Warenlagers vom 28. Mai und der Meissener Produktionsstätte vom 3. August. Claus Boltz hat beide Inventare 1982 im Mitteilungsblatt der Keramik-Freunde der Schweiz, Nr. 96, publiziert. Die Gegenüberstellung der beiden Inventare — Warenlager und Produktionsstätte — liefert für den Vitelliuskopf drei wesentliche Hinweise:
- Datierung: Da die Büste hier erstmals eindeutig erwähnt wird, bildet das Inventar von 1711 einen sicheren terminus ante quem für ihre Entstehung.
- Hinweis auf einen Zyklus: Im Inventar der Produktionsstätte werden zwölf Gipsformen für je einen „Kayser Kopff“ genannt (Nrn. 43, 71–81; Boltz, a.a.O., S. 23). Daraus lässt sich schließen, dass in Meissen ursprünglich tatsächlich ein Zyklus von zwölf Caesaren-Köpfen geschaffen wurde (vgl. auch Menzhausen 1982, S. 95).
- Hinweis auf den Verbleib der übrigen Modelle: Bereits Asche (a.a.O.) stellte die Frage nach dem Verbleib weiterer Modelle neben den heute bekannten Köpfen des Vitellius und des Augustus. Im Inventar der Produktionsstätte sind neben den zwölf Formen auch „43 Kayser Köpffe“ verzeichnet. Um welche Kaiser es sich dabei konkret handelte, wissen wir jedoch nicht. Zudem waren alle diese Stücke als „schadhafft“ bezeichnet. Es ist daher anzunehmen, dass sie nie für den Verkauf freigegeben wurden.
Im Warenlager hingegen befanden sich ausschließlich „Vitellius Kaiserköpffe“ (Boltz, a.a.O.). Auch wenn dies nur eine Momentaufnahme des Jahres 1711 darstellt, entspricht sie bemerkenswerterweise dem heutigen Befund: Bis heute sind aus der Serie der zwölf Imperatoren neben dem Einzelstück eines Augustus-Kopfes nur die Vitellius-Köpfe bekannt geworden (s.u.).
1719
Nach dem Tod Johann Friedrich Böttgers am 13. März 1719 wurden vier Inventare erstellt. Sie erfassten die Bestände an Böttgersteinzeugen und -porzellanen in Meissen („Vorderstube auf dem Schloß“), in den Warenlagern Dresden und Leipzig sowie in „Böttgers Behauszung“. Boltz fasste diese vier Inventare zusammen und ordnete sie thematisch nach Formen (Keramos 167/168, 2000).
Im Abschnitt 8, „Figürliches“, finden sich in den Inventaren von Dresden, Leipzig sowie im Böttger’schen Nachlass erneut die allgemeinen Einträge „Kayser Köpffe“ und konkret „Vitellius Köpffe“ (ebd., S. 66). Bemerkenswert ist auch hier, dass wiederum nur Vitellius namentlich genannt wird. Bei den Einträgen „Kayser Köpffe“ bleibt dagegen offen, um welche Modelle es sich konkret handelte.
Dass sich 1719 kein einziger Kaiser- oder Vitelliuskopf mehr in den Beständen der Meißener Manufaktur befand, ist nachvollziehbar. Die Produktion des Böttgersteinzeugs war ab 1713, als Böttger weißes Porzellan einschließlich der Glasur manufakturmäßig herstellen konnte, eingestellt worden. Die in Meissen noch vorhandenen Steinzeuge wurden in den folgenden Jahren offenbar auf die Warenlager in Dresden und Leipzig sowie auf Böttgers Behausung verteilt. Die Kaiser- und Vitelliusköpfe wurden ausschließlich in Steinzeug gefertigt (ein schwarz glasierter). In Porzellan erscheint das Modell in keinem der Inventare.
1733
Die 1719 noch vorhandenen Köpfe müssen jedoch vor 1733 verkauft oder verschenkt worden sein. Denn bei der endgültigen Regelung der Böttger’schen Hinterlassenschaft und der Regulierung des sog. „Böttger’schen Kreditwesens“ im Jahr 1733 war kein Kaiserkopf mehr vorhanden (Boltz, Keramos 153/1996).
Vergleichsstücke
Vitellius
- Bayerisches Nationalmuseum, Slg. Dr. Schneider, Inv. Nr. ES 1859 = Asche in Keramos 49-1970 Abb. 13 = Rückert 1966 Nr. 824
- Kunstgewerbemuseum Berlin, Bursche Nr. 26, Inv.-Nr. K 1352
- Porzellansammlung im Zwinger, Dresden, Inv.-Nr. PE 2378
- Schloss Friedenstein, Gotha, Eberle 2011, Nrn. 9 f.
- Boston Museum of Fine Arts, Inv.-Nr. 54.679
- Grassimuseum Leipzig, Inv.-Nr. 1930.289
- The Korthaus Collection, Christie’s 1.3.1993 Nr. 10 = Slg. Tono Dreßen Taf. 1
- Sotheby’s 4.7.1967 Nr. 181
Augustus
- Bayerisches Nationalmuseum, Slg. Dr. Schneider, Inv. Nr. ES 2046 = Asche in Keramos 51-1971 Abb. 1
Ähnliche Modelle, die im Zusammenhang mit dem Vitellius-kopf in der Meissen Literatur genannt werden, sind der Kopf des Apollon (Asche Abb. 12; Rückert 1966 Nr. 825) und die Büste der Proserpina (Asche Abb. 14).